Freitag, 9. Dezember 2011
3.Mose 23,21: Wurde die Neue-Welt-Übersetzung aus den Ursprachen übersetzt?
[Hinweis: Nachdem chrisg mich auf einen wichtigen Punkt aufmerksam gemacht hatte, habe ich diesen Artikel noch einmal umgeschrieben. Siehe hierzu den ersten Kommentar. Sollte in der neuen Version mein Frust über unsinnige Argumente an der einen oder anderen Stelle zu stark durchscheinen, bitte ich zu bedenken, dass ich als Fischotter auch nur ein Mensch bin.]

Wie entstand die Neue-Welt-Übersetzung? Der Titel des Werks deutet (ganz subtil :o) an, dass es sich um eine Übersetzung handelt. Allerdings gibt es eine Menge von Kritikern, die das Gegenteil behaupten. Als Beispiel kann der evangelische "Experte" Dr. Hellmund dienen, der 2006 behauptete, dass die Neue-Welt-Übersetzung folgendermaßen entstanden sei:
Wie aber kann man sich dann an die schwierige Aufgabe der Übersetzung der ganzen Bibel heranwagen? Ganz einfach: die "Übersetzer" nahmen vorhandene Bibelübersetzungen in englischer Sprache, verglichen sie und wählten einen Wortlaut, der ihnen zusagte. War jedoch der Sinn einer Stelle unklar, zweideutig oder widersprüchlich schon in der Originalfassung, gab es in der Bibliothek der Wachtturm-Gesellschaft wissenschaftliche oder populäre Kommentare. Die benutzte man als Entscheidungshilfe, natürlich ohne den eigenen Anhängern etwas davon zu sagen oder Quellenhinweise in den Einleitungen zur NWBT oder im Wachtturm zu geben.
Die Übersetzer der NWÜ bleiben namenlos, rauchen aber nicht; es ist unbekannt, ob sie Ponchos tragen
Woher weiß Dr. Hellmund das? Ganz einfach, er schreibt es von einem anderen ab, der auch keinen unmittelbaren Einblick hatte und ergänzt einiges mit seiner Phantasie. Die von ihm zitierte Primärquelle nennt lediglich Personen, die angeblich im Übersetzungskomitee waren, sagt aber nicht, ob sie selber übersetzt haben oder die Übersetzungsarbeit lediglich koordiniert haben (In der Wachtturmgesellschaft ist es üblich, diejenigen, die eine Arbeit koordinieren und planen, als "Komitee" zu bezeichnen). Da die Primärquelle von jemandem stammt, der während der Übersetzungsarbeiten tausende von Kilometern vom Ort des Geschehens entfernt war, ist diese Aussage also eigentlich nicht hilfreich. Trotzdem wird von Kritikern so getan, als würde das beweisen, dass genau die genannten Personen die Übersetzung angefertigt haben1.

Da weiter behauptet wird, dass die Mitglieder des Übersetzungskomitees entweder kein oder unzureichend Hebräisch konnten, ergänzen dann Hellmund (und viele andere) aus eigener Phantasie die angebliche Methode, die beim Übersetzen angewandt wurde (siehe oben) und behaupten, dass es sich bei dieser Übersetzungsmethode (besser gesagt: Herstellungsmethode) um eine unumstößliche Tatsache handelt. Da keiner der Kritiker selber beim Übersetzen dabei war (und sie auch keine Augenzeugen benennen können, die dabei waren), handelt es sich hierbei bestenfalls um Spekulation. Man beachte hierbei insbesondere, dass Hellmund keinen Beweis für seine Behauptung vorlegt, dass die NWT aus anderen Übersetzungen abgeschrieben wurde, außer, dass er auf ein Buch verweist (natürlich ohne Seitenzahl oder Kapitelangabe, damit man ihn nicht widerlegen kann), in dem es keinerlei Hinweise darauf gibt, wie genau die Übersetzung abgefertigt wurde!
Man kann in Hellmunds Quelle nicht das Vorgehen beschrieben finden, das er oben beschrieben hat.

Hellmund unterstellt hierbei (natürlich nur zwischen den Zeilen, um keinen Ärger mit dem deutschen Presserecht zu bekommen, aber immer noch offensichtlich genug, um jedem Leser den Gedanken zu suggerieren), dass die Übersetzer gar nichts übersetzt hatten und ihre Leser hierüber bewusst täuschten. Zeugen Jehovas glauben ihm das natürlich nicht, da er keinerlei handfeste Beweise für seine Behauptungen bringen kann.

Der bisherige Stand der Diskussion

Es wäre allerdings hilfreich, wenn man den Spieß umkehren könnte und Hellmund und anderen Kritikern nachweisen könnte, dass sie (offensichtlichen) Unsinn reden. Da die Übersetzer aus eigenem Entschluss anonym geblieben sind, war es bisher nicht einfach, diesen Vorwurf zu entkräften; man kann die Kenntnisse von Menschen, die man nicht kennt, nicht direkt prüfen und auch nicht direkt ihre Arbeitsweise untersuchen. Deswegen blieb Zeugen Jehovas, die "ihre" Übersetzung verteidigen wollten, meist nur eine (fruchtlose) Diskussion darüber, ob und woher die Kritiker ihre "Informationen" her hatten, ob die genannten Quellen überhaupt etwas sinnvolles zum Thema sagen können und die Forderung, doch bitte zu zeigen, wo es denn Beweise für die Behauptungen gebe.

Als Antwort kommt dann mit großer Sicherheit der Verweis auf die "Experten", die doch selber die Ursprachen der Bibel verstehen und daher kompetent sind, den Sachverhalt zu beurteilen und der Verweis auf die "Augenzeugen", die sich so gut mit den internen Abläufen der Wachtturmgesellschaft auskennen, dass man ihre Andeutungen ohne weiteres zu entsprechenden Verschwörungstheorien ausbauen kann. Und meist wird den Zeugen Jehovas dann unterstellt, dass sie ohne ausreichende Sachkenntnis etwas ohne eigenes nachdenke nachplappern, was die Wachtturmgesellschaft ihnen vorgegeben hat, dass sie also selber betrogen wurden und daher selber keine Möglichkeit hätten, etwas sinnvolles zur Frage zu sagen.

Aber plötzlich ist alles anders!

Ein eindeutiger Beweis

Es gibt eine Methode, die o.g. Behauptung auf einfache Weise zu prüfen: Man muss Stellen finden, an denen man mit Sicherheit (oder zumindest mit großer Wahrscheinlichkeit) nachweisen kann, wo die Übersetzungsvariante der NWÜ herstammt. Das müssen Stellen sein, wo die NWÜ von den meisten anderen Übersetzungen abweicht. Denn wenn an einer Stelle die Übersetzung vollkommen unstrittig ist und die NWÜ genau so aussieht wie alle anderen Übersetzungen, dann kann man nicht sagen, ob dies daran liegt, dass die NWÜ von den anderen Übersetzungen abgeschrieben wurde, oder ob die Urheber der NWÜ selbstständig genau zur gleichen Übersetzung kam wie die anderen Übersetzungen.

Ideal hierfür sind Übersetzungsfehler (im Gegensatz zu den Behauptungen der Kritiker halten Zeugen Jehovas die NWÜ weder für inspiriert noch für fehlerfrei), denn Fehler geben einem meist die Möglichkeit herauszufinden, wo denn die Fehlerursache liegt. Wenn die Ursache darin liegt, dass man aus einer englischen Bibel abgeschrieben hat, dann muss die Verwechslung auf der englischen Seite der Übersetzung vorliegen, wenn aber wirklich aus den Grundsprachen übersetzt wurde, dann sollte die Verwechslung ihre Ursache in den Ursprachen haben.

3.Mose 23,21

Und hier kann ich einen Fehler aus der englischen NWT aus dem Jahre 1953 präsentieren, der die Entscheidung dieser Frage einfacher macht (wenn auch leider nicht ganz so einfach, wie ich ursprünglich dachte). Wenn man 3.Mose 23,21 vergleicht, dann erkennt man leicht, dass die Übersetzung in der ersten Auflage einen Fehler enthielt, der in späteren Auflagen korrigiert wurde:
1953: And you must proclaim on this very day Jehovah's holy convention for yourselves.

heute: And YOU must make a proclamation on this very day; there will be a holy convention for yourselves.
Ausschnitt aus der NWT von 1953 mit 3.Mose 23,21 (für vergrößerte Darstellung auf das Bild klicken)
Man sieht leicht, dass ein Wechsel stattfand, zwischen dem Ausdruck "Jehovas" und "es wird sein" (Die übrigen Änderungen resultieren anhand des englischen Grammatik aus diesem Wechsel). Dadurch wurden aus zwei Sätzen einer gemacht, da ein Verb aus dem Text "verschwand" (Viele andere Übersetzungen vereinfachen dann natürlich den Satzbau wieder, da man den Gedanken im Englischen oder Deutschen einfacher mit einem einzelnen Satz wiedergeben kann, aber das ist eine ganz andere Frage, die wir hier nicht weiter verfolgen müssen). Die Frage lautet nun: Woher stammt dieser Fehler? Wurde hier von anderen Übersetzungen abgeschrieben oder stammt der Fehler daher, dass bei einer 'echten' Übersetzung etwas übersehen wurde?

Ursprünglich dachte ich, die Übersetzungsvariante von 1953 sei einmalig. Mir war keine andere Übersetzung bekannt, die hier "Jehova" oder eine Ersatzbezeichnung wie z.B. "Herr" verwendet. Nun hat es sich aber gezeigt, dass es doch eine einzelne sehr obskure Übersetzung aus dem neunzehnten Jahrhundert gibt, die hier den gleichen Fehler macht. Es handelt sich dabei um die Julia-Parker-Übersetzung, von der 1876 tausend Exemplare veröffentlicht wurden. Der Satz lautet dort:
And ye called in this self-same day a holy calling of Jehovah to you:
Somit haben wir jetzt die Alternativen vor uns: entweder bei der Erstellung der NWT hat hier jemand bei Julia Parker abgeschrieben, oder aber zwei Übersetzer haben den gleichen Fehler gemacht. Es ist natürlich klar, dass alle Kritiker der NWÜ genau dies sofort als Bestätigung ihrer Ansicht sehen werden. Andererseits haben einige hilfreiche Laeser mir ihre Vorschläge hinterlassen, wie man die NWT trotzdem als echte Übersetzung ansehen kann. Ich finde das sehr nett, werde die Vorschläge hier aber nicht nutzen, sondern lieber etwas genauer hinschauen und ein kleines Gedankenexperiment machen: Wir begeben uns in eine virtuelle Parallelwelt, in der Hellmund recht hat, in der die NWT nicht übersetzt wurde, sondern aus anderen Übersetzungen abgeschrieben wurde. Wir werden uns genau diesen Prozess anschauen, und sehen, wie der Text von 3.Mose 23,21 erstellt wurde. Möglicherweise wird dir auch etwas bestimmtes dabei auffallen.

Auf dem Weg in diese Parallelwelt schauen wir uns noch eine weitere Äußerung Hellmunds zur NWT an, die diesmal offensichtlich richtig(!) ist. Hellmund schrieb in dem oben zitierten Artikel:
In einer früheren Besprechung der NWÜ [...] habe ich der Verarbeitung textkritischer Einsichten ein hohes Lob ausgestellt. -Die Textkritik geht der Frage nach: Welchen Text haben vermutlich die Verfasser biblischer Schriften geschrieben? Was sagen die ältesten und deshalb zuverlässigsten Bibelhandschriften?- Darüber sind die Wachtturm-Führer informiert...
Auf dem Weg in Hellmunds Welt
Hellmund gibt hier zu, dass die gleichen Menschen, die seiner Ansicht nach kein altgriechisch und althebräisch können, trotzdem wissen, was die verschiedenen alten Bibelhandschriften enthalten, und wie sie sich unterscheiden. Da die NWÜ hunderte wenn nicht tausende von Fußnoten mit Hinweisen auf derartige abweichende Lesarten enthalten, ist diese Aussage offensichtlich nachprüfbar korrekt. Die Frage, die Hellmund vermeidet zu stellen, lautet: Woher können Menschen, die keine Ahnung von den Ursprachen haben, diese Informationen zusammen sammeln? Für jeden, der die Ursprachen der Bibel beherrscht, wäre diese Aufgabe trivial: Man nimmt sich die wissenschaftlichen Textausgaben, in denen die entsprechenden Angaben (in den jeweiligen Ursprachen) enthalten sind und man ist fertig. Wie das gleiche funktionieren soll, wenn man die Ursprachen nicht versteht, ist ein Rätsel, dass geklärt werden müsste. Es wäre ein Wunder, wenn jemand in einer unbekannten Sprache an hunderten oder tausenden von Stellen alle diese Informationen zusammentragen könnte, ohne dabei großartige Fehler zu machen. Die genaue Kenntnis der Textkritik setzt bereits die Ursprachenkenntnis voraus, da die Werke, die irgendwelche tiefergehenden Angaben zu derartigen Fragen enthalten, Ursprachenkenntnis voraussetzen. Es wäre einfacher, erst einmal die entsprechenden Sprachen zu lernen, als zu versuchen, textkritische Kenntnisse ohne erlernen der Ursprachen zu versuchen.

Aber da wir gerade auf dem Weg in eine virtuelle Parallelwelt sind, sollen derartige Widersprüche uns nicht aufhalten. Wir glauben jetzt einfach mal, dass die Autoren der NWT ohne Kenntnis der Ursprachen in der Lage waren, die verschiedenen Lesarten der Manuskripte und antiken Übersetzungen zu kennen und ignorieren, dass dies in unserer Realität nicht funktionieren kann.

Wenn wir den Text der NWT mit dem von Julia Parker vergleichen, stellen wir leicht fest, dass hier niemand abgeschrieben hat, da die Unterschiede im Text sehr groß sind:
NWT: And you must proclaim on this very day Jehovah's holy convention for yourselves.

Parker: And ye called in this self-same day a holy calling of Jehovah to you:
In Hellmunds virtueller Parallelwelt saßen die Autoren also nicht da und haben stumpf die Julia-Parker-Übersetzung abgeschrieben, sonst wäre der Text der beiden Werke hier nicht so unterschiedlich; es ist also auch in dieser Parallelwelt nicht möglich, dass der Fehler dadurch entstanden ist, dass die NWT hier auf der Julia-Parker-Übersetzung beruht.

Hellmund meint stattdessen, die Autoren hätten mehrere englische Übersetzungen verglichen. Wenn sie das bei unserem Bibeltext getan hätten, dann wäre ihnen aufgefallen, dass nur eine einzige Übersetzung hier "Jehova" enthält. Sie hätten an dieser Stelle entweder annehmen können, dass die eine obskure Übersetzung einen Fehler enthält, oder sie hätten sich ernsthaft fragen können, ob diese eine Übersetzung hier vielleicht besser ist. Wenn sie nun unsicher gewesen wären, was wirklich im Urtext steht und welche Übersetzung recht hat, was hätten sie dann nach Hellmunds Meinung getan? Er schreibt, sie hätten dann wissenschaftliche oder populäre Kommentare als Entscheidungshilfe benutzt.

Spätestens an dieser Stelle wäre ihnen aber aufgefallen, dass es keine Kommentare gibt, die ihre Version unterstützen, dass niemand hier auch nur andeutet, dass es irgendwelche Unsicherheiten in der Textüberlieferung gibt, die Julia Parker unterstützen, und dass es keinen Grund gibt, warum man hier Julia Parkers Übersetzung folgen sollte. Kurz gesagt: Hellmunds behauptete Methode kann an dieser Stelle nicht funktionieren. Wenn man ihr gefolgt wäre, dann hätte dieser Fehler nicht unterlaufen können. Man wäre selbst ohne eigene Sachkenntnis zum Ergebnis gekommen, dass "Jehova" hier nicht korrekt sein kann.

Wenn man sich hingegen den hebräischen Text anschaut, dann ist der Fehler leicht erklärbar: Die hebräische Schreibung von "Jehova"="יהוה" und "es wird sein"="יהיה" sehen sich im hebräischen sehr ähnlich. Es ist je nach Druckqualität der Vorlage sehr leicht möglich, hebräische Buchstaben wie "waw" und "jod" zu verwechseln (Ein Negativbeispiel hierfür ist das "hebräisch-aramäische Wörterbuch zum Alten Testament", dass seine Benutzer mit undeutlichen Buchstaben in den Wahnsinn treiben kann), hierfür reicht schon ein kleiner zusätzlicher schwarzer Farbklecks an der richtigen Stelle aus. Das ist übrigens genau das, was der Wachtturm im Jahre 1979 so druckte:
In making the New World Translation of Leviticus 23:21, the Hebrew יהיה (“it will be”) was misread as יהוה (“Jehovah”). Hence, the first sentence of this verse should read: “And you must make a proclamation on this very day; there will be a holy convention for yourselves.”

--Watchtower, 15. August 1979, Seite 31
An dieser Stelle haben wir uns noch keine Gedanken darüber gemacht, ob die Autoren der NWT Julia Parkers Übersetzung überhaupt benutzten oder ob sie sie überhaupt kannten. Im Endeffekt kann uns das sogar egal sein. Denn wie wir gesehen haben, kann Hellmunds Vorschlag auch dann nicht funktionieren, wenn die Autoren der NWT dieses Werk bei ihrer Arbeit aufgeschlagen auf dem Tisch liegen hatten. Zusammenfassend ist also diese virtuelle "Hellmund"-Parallelwelt nicht möglich.

Was wäre wenn...?

Nun hat Hellmund natürlich einen taktischen Fehler gemacht, als er zugab, dass die "Wachtturm-Führer" über textkritische Fragen genau Bescheid wussten. Daher will ich noch einmal kurz überlegen, was passieren würde, wenn jetzt jemand anders kommt, der folgerichtig behauptet, dass die Autoren der NWT nicht nur keine Ursprachen konnten, sondern auch keine nennenswerten Kenntnisse über die Textüberlieferung haben.

Im Endeffekt würde sich an dem oben gemachten Argument nichts wesentliches ändern. Allerdings kann ich in diesem Zusammenhang auf all die Eigenschaften der NWT aufmerksam machen, die offensichtlich gegeben sind, wenn die Autoren die Ursprachen verstanden, die aber schwierig bis unmöglich zu erklären sind, wenn sie diese Sprachen nicht verstanden hätten:
  • Zuerst einmal die zahlreichen Fußnoten mit textkritischen Anmerkungen, die man eigentlich nur mit Ursprachenkenntnis sinnvoll sammeln kann.
  • Dann gibt es hunderte Fußnoten mit Verweisen auf hebräische Übersetzungen des "Neuen Testaments", die man auch nur mit Kenntnis der hebräischen Sprache sinnvoll hätte erstellen können.
  • Die NWT gibt eine Reihe grammatischer Eigenheiten der Ursprachen gezielt wieder, so z.B. die Unterschiede zwischen verschiedenen Verbformen. Ohne Ursprachenkenntnis wäre es quasi unmöglich diese Unterschiede überhaupt nur zu erkennen, geschweige denn, sie wiederzugeben.
Es gibt noch weitere Eigenschaften der NWT wie z.B. die gezielt einheitliche Wiedergabe bestimmter Wörter der Ursprachen, die zwar nur schwer vorstellbar sind, wenn man die Ursprachen nicht beherrscht, die aber theoretisch mit sehr viel Arbeit auch ohne diese erstellt werden könnten; diese lasse ich jetzt beiseite.

Wer also behauptet, dass die NWT ohne Ursprachenkenntnis erstellt wurde, der müsste erklären können, wie derartige Eigenheiten entstanden sein können. Da es gar keine oder nur sehr wenige andere Übersetzungen gibt, die ähnliches versucht hatten, sollte der Nachweis hier einfach sein, wenn denn die NWT wirklich "aus anderen Übersetzungen" zusammengeschrieben wurde. Aber auch hier hat niemand bis heute einen ernsthaften Versuch gemacht, diesen Nachweis zu führen.

Im Endeffekt läuft Hellmunds Behauptung darauf hinaus zu behaupten, dass die NWT ein Plagiat sei. Nun wissen seit Guttenplag, dass es relativ einfach möglich ist, Plagiate festzustellen. Wie wird das gemacht? Man legt die (angeblichen) Quellen und das untersuchte Werk nebeneinander und schaut nach, was alles gleich aussieht. Beim Vorwurf des Plagiats ist natürlich derjenige beweispflichtig, der den Vorwurf erhebt. Wenn wir dieses Verfahren sinngemäß auf Hellmunds Vorwürfe an die NWT anwenden, dann müssten wir erwarten, dass Hellmund (oder irgend jemand anders) einen hinreichend langen Abschnitt der NWT mit den angeblichen Quellen vergleicht und aufzeigt, welche Ähnlichkeiten bestehen, und warum diese Ähnlichkeiten hier nicht auf unabhängiger Übersetzungsarbeit beruhen können (Wir brauchen uns hier noch keine Gedanken machen, wie lang solch ein Abschnitt sein muss, um Zufall als Ursache ausschließen zu können, das kann warten, bis überhaupt einmal jemand eine derartige Gegenüberstellung macht).

Tatsächlich hat niemand (meines Wissens) diese Arbeit jemals auch nur für eine einzige Seite der NWT ansatzweise durchgeführt. Niemand hat für irgendeinen Bibelabschnitt gezeigt, was aus welchen Quellen übernommen worden sein soll. Genau: Hellmunds Behauptung, dass die NWT ein Plagiat sei, kann er an keiner einzelnen Stelle dadurch erhärten, dass er für irgendeine Stelle nachweist, wo denn was abgeschrieben wurde.

Um dabei den ersten und wichtigsten Schritt zu tun, muss man noch nicht einmal althebräisch oder altgriechisch können. Ein ungenannter Kommentator hat mir geschrieben, dass Hellmund hebräisch kann, und dass er deswegen seiner Behauptung glaubt. Dies zeigt, dass er das eigentliche Problem nicht erkannt hat: Um die Behauptung nachzuweisen, dass jemand einen englischen Text aus englischen Quellen abgeschrieben hat, muss man offenkundig kein hebräisch können. Man muss vielmehr zeigen, welche Merkmale der vorgeblichen englischen Quellen sich den in der NWT wiederfinden. Erst wenn man diesen Schritt erfolgreich absolviert hat und Stellen gefunden hat, die so aussehen, als wären sie aus einer englischen Quelle (oder mehreren) abgeschrieben worden, bräuchte man in einem zweiten Schritt Hebräisch- oder Griechisch-Kenntnisse, um zu prüfen, ob die Übereinstimmung nicht mit Übersetzung aus der Ursprache erklärt werden kann.

Hellmund macht aber nicht einmal den ersten Schritt. Daher sind alle Schlussfolgerungen, die auf diesem fehlenden ersten Schritt beruhen, sinnlos. Und Hellmunds Ursprachenkenntnisse sind für unsere Frage vollkommen irrelevant, da sie erst wichtig sind, nachdem man den unterlassenen ersten Schritt tut, für die sie egal sind.

Wenn daher ein anderer Kommentator kritisiert, dass ich nur für einen einzelnen Bibelvers nachgewiesen habe, dass Hellmund Unrecht hat, dann ist er ebenfalls auf dem Holzweg. Abgesehen davon, dass ich nirgendwo behauptet habe, dass die NWT komplett korrekt sein muss, wenn Hellmund Unrecht hat (ich habe vielmehr auf einen Übersetzungsfehler hingewiesen!), reicht dieser einzelne Vers aus, um zu zeigen, dass Hellmunds vorgeschlagene Herstellungsmethode der NWT an dieser Stelle nicht funktionieren kann. Solange es aber kein einziges Gegenbeispiel von Hellmund (oder irgend jemand anders) gibt, sprechen damit 100% aller untersuchten Stellen gegen seine Hypothese. Es ist überflüssig, weitere Verse zu untersuchen um Gegenbeispiele zu finden, solange niemand auch nur ein einziges unterstützendes Beispiel für Hellmunds These vorweisen kann.

Es ist aber offensichtlich, dass eine Hypothese mindestens ein wenig unterstützende Fakten haben sollte, wenn man sie denn ernst nehmen will. Eine Hypothese vollkommen ohne Faktengrundlage nennt man Spekulation; eine Hypothese die gegen alle bekannten Fakten steht, nennt man Einbildung (wenn man höflich ist). Wer erwartet, dass ich für jeden Bibelvers beweise, dass er nicht abgeschrieben worden ist, der verkennt ein einfaches Prinzip, dass wir aus der Juristerei kennen: Der Beweis negativer Tatsachen ist schwer bis unmöglich, weswegen vor Gericht im Normalfall so etwas nicht verlangt wird. Von mir würde dieser Nachweis verlangen, dass ich für zehntausende von Bibelversen hunderte von Übersetzungen und Kommentare vergleiche und für jeden Vers genau zeige, warum die NWT nicht auf irgendeiner Kombination dieser möglichen Quellen beruht. Der hierfür notwendige Aufwand wäre absurd. Hingegen wäre es nicht zu viel verlangt für ein oder zwei Seiten aufzuzeigen, wie hier aus welchen Quellen abgeschrieben wurde. Wer wie hier versucht das Verfahren umzukehren, der kann entweder die Angelegenheit nicht durchdacht haben, oder aber ein starkes Interesse haben, ein bestimmtes Ergebnis zu erhalten. Deswegen erwarte ich, dass auch weiterhin niemand einen ernsthaften Versuch unternehmen wird auch nur für eine einzige Seite nachzuweisen, was da von wo abgeschrieben wurde.

Fazit

Und damit ist klar, dass die Behauptung von Hellmund, dass die NWT aus anderen Übersetzungen zusammengeschrieben wurde, offensichtlicher Unsinn sein muss. Denn den Text in diesem Vers kann man nur damit erklären, dass hier wirklich aus dem hebräischen übersetzt wurde.

Damit ist dann auch klar, warum man die Einschätzung von Hellmund und anderen Kritikern nicht ernst nehmen kann. Und es geht hier nicht um einen einfachen Irrtum auf Seiten der Kritiker, so wie er jedem einmal passieren kann. Die Kritiker haben einen schwerwiegenden Vorwurf ohne jeden Beweis erfunden und mit Hinweis auf die eigenen Fähigkeiten als Tatsache dargestellt.

Wer so handelt, der kann nicht nur nicht erwarten, dass man ihn ernst nimmt; außerdem ist klar, dass er sich auch kritische Nachfragen in Bezug auf seine ethische Integrität gefallen lassen muss. Steht hinter diesem Vorwurf nicht ziemlich offensichtlich allein der Versuch, eine Weltanschauung zu bekämpfen? Und was sagt es aus, dass man zu derartigen Argumenten Zuflucht nehmen muss? Heißt das nicht, dass es keine ernst zu nehmenden Argumente gibt? Oder sind die Kritiker einfach unfähig, sinnvolle Argumente zu finden? Aber auch dann können sie nicht erwarten, ernst genommen zu werden. Diese Fragen kann sich natürlich jeder anhand der vorgelegten Beweise selber beantworten.

Wer für seine Weltsicht darauf angewiesen ist, dass die NWT 'eine Fälschung" ist, die von ahnungslosen Autoren zusammenkopiert wurde, der wird natürlich versuchen, genau die Punkte zu ignorieren, die ich hier nannte. Ich erwarte daher wenig sinnvolle Versuche, ein Gegenargument zu den hier beschriebenen Punkten zu erstellen, aber jede Menge Versuche davon abzulenken. Im Kommentarteil unten kann man bereits jetzt derartige Versuche finden, die gezielt meine eigentlichen Argumente ignorieren.
1 Ein inzwischen gelöschter Kommentar zu diesem Text ist ein treffendes Beispiel für dieses Problem. Der Kommentator meinte dort:
so halte ich es schon für glaubhaft, wenn [diese Quelle] sagt, dass die NWÜ keine Übersetzung aus den Ursprachen ist, weil keiner der Übersetzer derer genug mächtig war.
Das Problem dabei: Wie im Haupttext geschildert, sagt die Quelle gar nichts über die Übersetzer und deren Fähigkeiten und nichts darüber, dass die NWÜ keine Übersetzung ist. Trotzdem ist der Kommentator fest davon überzeugt, es dort gelesen zu haben. Das ist meiner Meinung kein Zufall. Der Text der Quelle ist so geschrieben, dass jeder, der beim Lesen nicht sorgfältig mitdenkt, genau diesen Gedanken 'eingepflanzt' bekommt, bei einigen anscheinend so fest, dass er es nicht einmal bemerkt, wenn man ihn mit der Nase darauf stößt. Das ist auch einer der Gründe dafür, dass ich diese Quelle hier nicht präsentiere, da dies kein Einzelfall ist und ich vermute, dass dies auch so gewollt ist.

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